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Wissenschaftliches Theater
Im Sommer 1999 feierte die
Stadt Antwerpen den 400. Geburtstag ihres berühmtesten Bürgers, des Malers
Anton van Dyck. Wie inzwischen üblich, wurden auch Bezüge zur heutigen Zeit
hergestellt, indem neben drei Gemäldeausstellungen die Ausstellung "LABORATORIUM"
vom 27. Juni bis zum 3. Oktober im Provinciaal Museum voor Fotografie gezeigt
wurde. LABORATORIUM beschäftigte sich mit Laboren in
verschiedenen Kontexten: Kunst, Naturwissenschaft, Psychology, Religion und
Architektur. Eines der Projekte war eine Reihe von Vorstellungen
unterschiedlichster Art unter dem Titel "The Theatre of Proof",
zusammengestellt von Bruno Latour. Die Videoaufnahmen dieser Darbietungen
wurden während der gesamten Dauer der Ausstellung dem Publikum auf Bildschirmen
präsentiert. Zwei Darbietungen wurden von der Arbeitsgruppe Hochschuldidaktik und Wissenschaftsgeschichte erarbeitet und präsentiert: "The Name of Fame" und "Physics and Pleasure". Ersteres wurde im November 2000 auch im Rahmen der Veranstaltung "Physics on Stage" am CERN in Genf aufgeführt. (Über diese Aufführung gibt es auch einen kleinen Videofilm.) Die Szene ist ein Fernsehstudio mit Sesseln
im Vordergrund und Tischen mit verschiedenen wissenschaftlichen Geräten im
Hintergrund. Der Showmaster erscheint und erklärt die Regeln eines Quiz:
Gesucht wird die überzeugendste Lösung eines drängenden wissenschaftlichen
Problems, diesmal des Kraft-Abstand-Gesetzes der Elektrostatik. Der zu
gewinnende Preis ist Ruhm, denn das zu findende Naturgesetz wird für immer nach
dem Gewinner benannt werden. Gesucht wird "The Name of Fame". Drei Kandidaten werden mit Alter,
Herkunftsort und Beruf vorgestellt, aber nur mit Vornamen angesprochen: Charles
aus Paris, John aus Glasgow und Paul aus Berlin. Alle drei sind im 18.
Jahrhundert geboren. Nacheinander präsentieren sie das jeweils von ihnen für
richtig erachtete Gesetz und erläutern, wie sie dieses experimentell gefunden
haben. Jeder versucht, das Publikum davon zu überzeugen, dass seine Methode die
wissenschaftlichste ist und dass das gefundene Gesetz (daher) richtig ist. Anschließend bekommen die drei Kandidaten die
Möglichkeit, ihre Experimente untereinander zu diskutieren. Eine lebhafte Diskussion
ergibt sich, die zeitweilig so in Fahrt gerät, dass sie durch einen Werbeblock
unterbrochen werden muss. Danach wird das Publikum aufgefordert, die
Präsentationen kritisch zu hinterfragen. Schließlich entscheidet das Publikum
per Applausbarometer über den Sieger. Das Publikum in Antwerpen entscheidet
sich für Paul. Der historische Hintergrund Physikalisch gebildete Personen mögen
vielleicht Charles als Coulomb erkannt haben, aber John Robison und Paul Simon
sind weitgehend unbekannt, sogar unter Wissenschaftshistorikern, nicht zuletzt
als Folge der Entscheidung dieser Debatte. Alle drei haben sich ernsthaft und
intensiv mit dem Problem des Kraft-Abstands-Gesetzes der Elektrostatik
auseinandergesetzt. Die tatsächliche Debatte wurde jedoch nur teilweise explizit
geführt und erstreckte sich über mehrere Jahrzehnte um 1800. Dennoch sind alle
in dem Stück verwendeten Argumente historisch verbürgt oder aus der Kenntnis
der Personen und ihrer Ansichten plausibel. Dies gilt auch für die Geräte. Es
handelt sich dabei um detailgetreue Nachbauten der Originalgeräte.
"Robsion",
"Coulomb" und "Simon" erläutern ihre Experimente
Die Absicht Wir beabsichtigten, dem Publikum die
Gelegenheit zu geben, etwas über Wissenschaft zu lernen. Es ging nicht um die
Vermittlung von physikalischem Wissen selbst, sondern um ein Verständnis des
Prozesses, der zu physikalischem Wissen führt. Wenn wir das Publikum einer
Fernsehshow über ein Naturgesetz abstimmen lassen, soll damit kein kruder
Sozialkonstruktivismus propagiert werden. Vielmehr geht es darum zu zeigen, dass
Unsicherheit und Uneinigkeit unter den Wissenschaftlern selbst vorhanden sind.
Man erkennt, dass die Regel "Folge den Regeln wissenschaftlicher
Methodik" keine Lösung ist, weil gerade diese Regeln gleichzeitig mit den
Experimenten und Ergebnissen zur Diskussion stehen. Niemand der Kandidaten, so
sicher er sich seines Ergebnisses auch sein mag, kann es sich leisten, sich zurückzulehnen
und mit ruhiger Stimme zu sagen, die Natur (oder die Apparatur) habe klar und
eindeutig gesprochen. Mit der Wahl einer historischen Kontroverse
wollen wir nicht sagen, dass sich dies grundlegend geändert hätte. Vielmehr
möchten wir zeigen, dass die Regeln, wie man wissenschaftlich arbeitet, ein
(immer vorläufiges) Resultat historischer Prozesse sind. Außerdem lässt sich
die Kontroverse, wie sie von uns dargestellt wurde, mit dem vergleichen, was
davon in Lehrbüchern übriggeblieben ist: Ein Gesetz ist richtig, eine Person
ein herausragender Wissenschaftler und eine Apparatur eine geniale Erfindung.
Darsteller Charles
Augustin Coulomb: Falk Rieß; John Robison: Heiko Beneken; Paul Louis Simon:
Peter Heering; Showmaster: Jan Frercks Technik: Andreas Makus "Physics
and Pleasure" - Innenansichten
aus einem Labor der Wissenschaftsgeschichte Mr Miller (gespielt von Falk Müller) ist als
Reporter des Wissenschaftsjournals "Physics and Pleasure" Gast in
einem Replikationslabor, in dem Wissenschaftler mit der Replikation
verschiedener historischer Experimente beschäftigt sind. Während der Begrüßung durch den Laborleiter
Dr Henica (gespielt von Jochen Hennig) erhält Mr Miller einen Überblick über
unterschiedliche Kategorien, die Untersuchungsgegenstand einer Replikation sein
können. Dieses sind z.B. der Raum, in dem das Experiment stattfindet, der
Körper des Experimentators, die verwendeten Materialien und der historische
Kontext. Daraufhin erhält Mr. Miller die Möglichkeit
zu einem eigenen Streifzug durch das Labor und begegnet dem Replikator Peter
Heering (spielt sich selbst), der mit dem Nachvollzug eines Experimentes aus
dem Jahr 1804 zur Wärmestrahlung von Count Rumford und B. Thomson beschäftigt
ist. Schon durch das Betreten des Raumes stört der Reporter die Experimente
durch die Wärmestrahlung seines Körpers. In der sich entwickelnden Diskussion
mit dem Historiker wird deutlich, dass die technische Anwendung des
untersuchten Verhaltens der Wärmestrahlung für den Ofenbau eine Triebfeder für
die damaligen Experimente war. Bei der Fortsetzung seines Rundgangs trifft
Mr Miller auf Jan Frercks (spielt sich ebenfalls selbst), der mit der Replikation
von Fizeaus terrestrischer Messung der Lichtgeschwindigkeit mit der
Zahnradmethode im Jahr 1849 beschäftigt ist. Dieses Experiment war nicht
komplett in einem Labor untergebracht, sondern benötigte eine Versuchsstrecke
von 6,1 km Länge. Als ein Resultat des Nachvollzugs der Messung durch Jan
Frercks zeigt sich, dass Fizeau weniger die größtmögliche Genauigkeit
angestrebt hatte, sondern die prinzipielle Möglichkeit der terrestrischen
Messung der Lichtgeschwindigkeit ohne die Hilfe astronomischer Objekte zeigen
wollte. Anschließend kehrt Laborleiter Dr Henica
zurück und führt für Mr Miller Experimente aus der Elektrizitätsforschung in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch, wie es Elektrisierer damals auf
Jahrmärkten und in bürgerlichen Salons zur Unterhaltung und Aufklärung des
Publikums praktiziert haben. Dabei wird - analog zu historischen Vorführungen -
das Publikum in die Experimente mit eingebunden. Theaterbesucher werden
beispielsweise auf der Bühne mit Elektrisiermaschinen elektrisiert, und durch
mehrere Personen, die sich an den Händen fassen, wird ein Stromkreis gebildet.
Das abschließende Entzünden einer Alkoholflamme durch einen Funkenüberschlag
zeigt, wie durch die Erzeugung spektakulärer Effekte durch den Elektrisierer
die Fragen nach der Natur des Funkens und des Feuers zusammengebracht werden
können. |
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